Rede von Prof. Dr. Cilja Harders über META

Rede von Prof. Dr. Cilja Harders über META, 10. Juli 2014

Im Juli 2014 ehrte Prof. Dr. Cilja Harders META in einer Rede, die sie aus Anlass der Feierlichkeiten zum einjährigen Jubiläum der Zeitschrift und der Veröffentlichung von Ausgabe #2 hielt. Den Rahmen bildete eine Festveranstaltung mit der Redaktion, Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirats, Autoren und Freunden von META.

 

Cilja Harders, Berlin, im Sommer 2014

 

Vielen Dank für die Einladung und die Möglichkeit, hier mit Ihnen und Euch 1 Jahr und 2 Ausgaben von META zu feiern.

Lassen Sie mich kurz skizzieren, worüber ich in den nächsten 30 Minuten sprechen möchte.

Es geht zunächst um mein Verständnis von Sinn und Unsinn, Möglichkeiten und Grenzen der Regionalforschung  und ihrer öffentlichen und wissenschaftlichen Rolle. Vor diesem Hintergrund reflektiere ich über unser digitales Geburtstagskind – was will, kann und soll META in unserer heutigen Forschungslandschaft leisten? Abschließend werfe ich einen Blick in das neue Heft und frage mich, ob der selbst formulierte Anspruch erfüllt wird – ich darf hier gleich vorweg nehmen, dass die Antwort ein uneingeschränktes „Ja“ ist. Die Geburtstagsgeschenke dürfen also ausgepackt werden und die Torte darf angeschnitten werden.

Was heißt eigentlich META? Erfreulicherweise ergibt sich bei näherem Nachdenken, dass der gewählte Name und das Akronym der Zeitschrift vorzüglich gewählt sind, lassen Sie mich erklären, warum.

Die Vorsilbe META impliziert in ihrer Verwendung häufig eine räumliche oder gedankliche Überordnung, wie etwa in Metakommunikation, Metasprache oder Metaebene. Hierin sehe ich Anknüpfungspunkte sowohl zum selbstformulierten Anspruch der Zeitschrift, disziplinäre Grenzen zu überwinden, gemeinsame, übergreifende Themen (topics) auszumachen und aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Dies soll gelten sowohl für empirische als auch theoretische Fragen. Es soll junge Wissenschaftlerinnen ebenso ansprechen wie die etablierteren, arabische ebenso wie europäische oder amerikanische  - also Metakommunikation im besten Sinne leisten.

Im Begriff der Metamorphose steckt auch der Hinweis auf die Verwandlung  – ein Aspekt, der mir gerade für das Verständnis der Regionalforschung besonders wichtig erscheint und der auch in den Zielen der Redaktion aufscheint. Es geht darum, jenseits von Exzeptionalismus und Orientalismus nach dem Gemeinsamen, Verbindenden und Vergleichbaren zu suchen, ohne in globalistischen Relativismus zu verfallen. Und die Metapher erinnert uns daran, dass Wissen übersetzungsbedürftig ist, weil es bestimmten intellektuellen, sozialen und ökonomischen Kontexten entspringt. So viel also zu den Anklängen von META, die zugleich auf einige grundsätzlichere Überlegungen zur Regionalforschung verweisen., auf die ich nun kommen will.

Ich muss Sie an dieser Stelle für eine gewisse politikwissenschaftliche Engführung, eine professionelle und disziplinäre Deformation, der ich nicht entgehen kann, um Verzeihung bitten.

Zunächst: was ist Regionalforschung zum Nahen Osten und Nordafrika, zum Vorderen Orient, zur islamischen Welt, zur arabischen Welt oder zu SWANA – Südwestasien und Nordafrika?

Meinem Verständnis nach ist Regionalforschung historisch trans- und interdisziplinär angelegt und gewachsen. Dabei unterscheidet man gemeinhin eine geisteswissenschaftlich-philologische und eine sozialwissenschaftliche Ausrichtung. Die damit beschriebenen unterschiedlichen Gegenstandsbereiche, Theorien und Methoden kennzeichnen die Regionalforschung als Frage nach den wirtschaftlichen, politischen, sozialen, kulturellen, religiösen Entwicklungen und ihren historischen Wurzeln in unterschiedlichen Regionen. Die Engführung auf je nur das Politische, Ökonomische oder Kulturelle scheint zumal im Zeitalter inter- und transnationaler Interdependenzen reduktionistisch und nicht gegenstandsadäquat.

Wo liegen nun Herausforderungen und Beiträge? Ich sehe sie in der Befremdung, der Übersetzung, der Kritik, und der Positionierung.

 

Befremdung

Der zentrale Beitrag der Regionalforschung für die Kerndisziplinen und die weitere Öffentlichkeit ist die Kapazität zur Befremdung und zur fundamentalen Hinterfragung des normativ und empirisch als Norm Gesetzen Eigenen – ganz im Sinne einer Saidschen Position. Aktuelle kritische postkoloniale Theorie thematisiert dies als die Notwendigkeit der Provinzialisierung Europas, der Zentren. Dies hat im Zeitalter von emerging powers /BRIC nicht nur theoretische Implikationen, sondern beschreibt auch empirische Prozesse der globalen Restruktuierung des Verhältnisses von Nord und Süd, von Zentrum und Peripherie. Diese Prozesse destabilisieren auch auf einer materiellen Ebene für sicher gehaltene Machtverhältnisse, ohne sie komplett zu revolutionieren.

 

Übersetzung

Theoretisch ist damit die Frage nach Übersetzungs- und Passförmigkeitsproblemen eng verbunden. Dies betrifft zunächst das konkrete Problem des intersubjektiven Fremdverstehens. Es gibt aber ein doppeltes Passförmigkeitsproblem. Unter welchen Bedingungen kann beispielsweise die Politikwissenschaft überhaupt beschreiben, verstehen und erklären, wenn sie sich eines Phänomens annimmt. Und umgekehrt gibt es das Problem, dass Regionalforschung sicherstellen muss, dass sie ihre Erkenntnisse auch in die Disziplin hinein kommunizieren kann. Dies ist keineswegs evident, bedeutet es doch einerseits die notwendige und sinnvolle Auseinandersetzung mit den Debatten und Konzepten der jeweiligen Disziplin. Darin liegt andererseits auch ein Zwang zur Vereinheitlichung und zum Bezug auf die großen Erzählungen des Faches, also: Demokratisierung, Entwicklung, Zivilgesellschaft, Peripherie und Zentrum oder Globalisierung und den damit einhergehenden methodischen und konzeptionellen Grenzen. Besonders problematisch wird dies, wenn das, was wir durch die Brille der großen disziplinären Erzählungen sehen, nur als defizitär, abweichend, „noch-nicht-erreicht“ beschrieben werden kann – was häufig der Fall ist, wenn die Disziplin auf die Region blickt. Ein gutes Beispiel dafür ist beispielsweise die Diskussion um Staatlichkeit, die implizit oder explizit OECD-Staatlichkeit zum Modell nimmt und im Lichte dieser Kategorien in der arabischen Welt häufig nur defizitäre Staatlichkeit entdecken kann. Das soll nicht bedeuten, dass es in SWANA kein Staatsversagen oder schlechte Regierungsführung gibt, aber diese Perspektive verstellt den Blick auf politische Dynamiken jenseits der formalen Institutionen.

Die Theorien müssen also reisen, aber in beide Richtungen! Und dies bedarf einer akiven Übersetzungsarbeit,  wie sie eine Zeitschrift wie META leisten kann und auch sollte.

Natürlich darf dabei ein wichtiges Manko in der Wahrnehmung der Area Studies durch die jeweiligen Disziplinen nicht verschwiegen werden. Das von uns generierte Wissen wird aus Wahrnehmung der Disziplin sozusagen zum „lokalen“ Wissen. Es kann die Würde relevanten Wissens nur erhalten, wenn es in Gestalt disziplinärere Relevanzkriterien kommuniziert wird. Darin liegt die Provinzialität der Politikwissenschaft, die sich als Allgemeines im Spiegel des besonderen / Lokalen konstituiert. Dies gilt auch für die Regionalstudien: wenn sie sich von den methodischen und theoretischen Diskussionen des Faches abkoppeln, bleiben sie notwendig provinziell und selbstbezüglich. Auch hier will und kann META einen Beitrag zur Metakommunikation leisten.

 

Kritische Selbstreflexion – was ist der Gegenstandsbereich?

Hierin liegt eine interessante Analogie zur Frage danach, was denn das Regionale in der Regionalforschung ist. Dies ist eine eminent politische Frage und sie wird meistens dadurch beantwortet, dass Area alles ist, was man selbst nicht ist (also Europa, USA). Die Areas sind das Fremde und außerhalb Liegende.  Hier wird deutlich, woran uns nachdrücklich schon vor langer Zeit Edward Said erinnerte – dass „der Orient“ ein höchst lebendiges und produktives Konstrukt ist, eine politische Erfindung des „Anderen“. Diese historischen Kontexte von Wissensproduktion stets zu reflektieren und die damit verbundenen Konstruktionen, Exklusionen und erneuerten Machtverhältnisse ist für mich Kernbestand jeder kritischen Regionalforschung. Auch dies ist ein Adjektiv, das sich in der Selbstdarstellung der Mission unseres Geburtstagskindes wieder findet.

Dies ist keineswegs trivial, denn der kurze Hinweis auf die Positionalität der Sprecherin der Sprechers reicht kaum aus. Die Begriffe und Konzepte, die empirischen Befunde und ihre Produzenten müssen gleichermaßen Antwort darauf geben, das Produkt welcher Bedingungen sie nun sind und was diese Gewordenheit für die Möglichkeiten der Erkenntnis impliziert.

Ein Blick auf die Geschichte und Gegenwart unseres Faches zeigt, wie verwoben Politik und Wissenschaft je sind. Und damit geht eine ganz besondere Verantwortung zur kritischen Reflexion, aber auch zum Beziehen einer Position, womöglich der Beratung und des konkreten politischen Handelns einher. Dies zeigt etwa ein kurzer Blick in die Geschichte meines eigenen Instituts, des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft. Mein Büro ist einem Gebäude untergebracht, in dem bis 1945 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik (KWI-A) angesiedelt war. Hier wurde „Forschung“ unternommen, die die NZ-Rassenideologie legitimierte und hier arbeitende Forscher waren an NS-Verbrechen beteiligt.

Die historische Vorläuferorganisation zum OSI ist die „Detusche Hochschule für Poliitk, begründet von Carl-Heinrich-Becker, der auch als einer der Väter der modernen Islamwissenschaft gilt. Becker war der Überzeugung, dass die junge Demokratie demokratischer Eliten bedarf, die politikwissenschaftlich ausgebildet werden sollten. An diese demokratische Tradition schloss die Nachkriegspolitikwissenschaft insofern an, als sie sich als Demokratiewissenschaft neu etablierte.

Historisch hat die Regionalforschung zum Vorderen Orient ein schwieriges Erbe anzutreten. Die ethnografische, linguistische und politische Kartografierung des fremden Anderen diente, wie wir seit Foucault und Said wissen, seiner Einhegung und Beschreibung, Kontrolle und Bekämpfung durch Deskription und Kategorisierung: Das Wort als Tat, das Fremde wird verstehbar und damit kontrollierbar. Mit Edward Said wurde deutlich, dass es zugleich zu einer Projektsfläche wurde, derer der Westen bedarf, um sich als modern, fortgeschritten, sachlich, rational entwerfen zu können.

Regionalforschung beschreibt nicht nur, sie kreiert Wissen.  Dieses Wissen ist vielfältig nutz- und instrumentalisierbar. Dies gilt für Aufklärung, Anti-Rassismus ebenso wie Kriegstreiberei, Spaltung, Aufhetzung und Schließung der Horizonte.

Was heißt das also für den Zusammenhang von Forschung und Politik heute: sollten wir die Beratung vermeiden? Die Einmischung? Ich meine: Nein. Mit dem Privileg des Wissens verbindet sich die Pflicht zur Kommunikation und Vermittlung. Das sagt noch nichts über die Chancen, auch wirklich gehört zu werden oder gar eine womöglich positive Wirkung zu entfalten.

 

Was heißt das für META?

Sie ahnen schon, dass ich vor dem Hintergrund solcher Einschätzungen einem Projekt wie META mit seinen Zielen sehr positiv gegenüber stehe. Nicht nur ist Marburg als Universität und das CNMS als Zentrum ein vorzügliches Beispiel dafür, wie Sprache, Kultur, Geschichte, Ökonomie und Politik einer Region zusammengedacht, gelehrt und erforscht werden. Daher ist das CNMS hervorragend geeignet, ein Projekt wie das digitale open-access Journal META – Middle East Topics and Arguments ins Werk zu setzen. Womöglich ist das CNMS momentan der einzige Ort in der Bundesrepublik, an dem es genug kritische und kreative Masse für ein solchen Unterfangen gibt, das Zeit, Energie, Geld und einen stabilen organisationalen Rahmen braucht. Derzeit gibt es in der Bundesrepublik zwei sozialwissenschaftliche Fachzeitschriften, den „Orient“ und die INAMO sowie einige islamwissenschaftliche wie etwa die “Welt des Islam“. Es gibt kein englischsprachiges und kein interdisziplinäres Projekt, das besser in der Lage wäre, die von mir benannte Übersetzungsarbeit aus der Provinzialität der Disziplinen und des Nationalstaats zu leisten. META hat sich also Großes vorgenommen, doch ein Blick die die zwei bisher vorliegenden Hefte zeigt, dass das gelingen kann. Durchweg anregend, innovativ und auf der Höhe der Debatten kann META zugleich durch die Themenfokussierung Impulse setzen. Nicht umsonst steht der Intellektuelle im Mittelpunkt der ersten Ausgabe. Hier ist der Titel Programm, denn das ist doch wohl geplant: durch META intellektuelle Debatten zu stimulieren. „Mittelklasse“ als Thema des neuen Heftes, „Area Studies und „Cultural Heritage“ zeigen, dass der Anspruch, Sozial- und Kulturwissenschaften zusammenzudenken und nach den gemeinsamen Linien zu suchen, thematisch mit Leichtigkeit umgesetzt werden kann.

Nach so viel META, was ist eigentlich mit dem SUB, wenn Sie so wollen, dem Gegenteil von META.?

Hier sehe ich Entwicklungspotenzial bei META. Ich finde, die Beiträge des Heftes sollten immer auch einen Blick auf das Exkludierte, Untergeordnete und die Politik von unten werfen.  Aber was ist eigentlich mit den Exklusionen im Herzen des „Eigenen“, also der Armut, der Ungerechtigkeit oder der politischen Gewalt im Herzen Europas? Wie ist das verbunden mit den Phänomenen, die wir Regionalforscher_innen in der Ferne studieren? Dazu wünsche ich mir recht bald ein META-Heft.

Ich schließe mit Schopenhauer, der einmal sinngemäß anmerkte, dass jeder dumme Mensch einen Käfer zertreten kann, aber alle Professoren der Welt keinen herstellen könnten. Dies lese ich als Appell zur Bescheidenheit, die uns sehr gut zu Gesicht steht. Zugleich gilt, wie Said feststellt: “My argument is that history is made by men and women, just as it can also be unmade and rewritten, always with various silence and elisions, always with shapes imposed and disfigurements tolerated.” ― Edward W. Said